Was die 18,3 TWh tatsächlich bedeuten
Der Flexibility Check 2026 ist eine gemeinsame Studie von E.ON und der Forschungsstelle für Energiewirtschaft. Sie betrachtet, welcher Anteil des Stromverbrauchs ausgewählter Geräte und Energielösungen innerhalb eines Jahres grundsätzlich in andere Zeitfenster verlegt werden könnte. Gemeint ist nicht weniger Verbrauch, sondern ein anderer Zeitpunkt: Das E-Auto lädt später, der Speicher nimmt Strom früher auf oder die Wärmepumpe nutzt ein geeignetes Zeitfenster, ohne den Wärmekomfort zu verletzen.
Die Studie bezeichnet die ermittelte Menge ausdrücklich als technisches Potenzial der maximal verfügbaren, theoretisch verschiebbaren Kapazitäten. Grundlage sind Bestandszahlen, Jahresverbräuche, Nutzungsszenarien, Lade- und Entladeverluste sowie Expertenschätzungen. Für Wärmepumpen wird beispielsweise angenommen, dass rund zehn Prozent ihres Gesamtstromverbrauchs potenziell flexibel sind.
Damit beschreibt die Kennzahl eine Obergrenze unter den gesetzten Annahmen. Sie sagt weder, dass 18,3 TWh heute automatisch gesteuert werden, noch dass diese Energiemenge zu jedem Zeitpunkt abrufbar wäre. Auch Leistung in Kilowatt und verschobene Jahresarbeit in Kilowattstunden sind zwei verschiedene Größen.
18,3 TWh sind ein modelliertes Jahrespotenzial. Die Zahl darf nicht als jederzeit verfügbare Leistung oder als bereits realisierte Lastverschiebung gelesen werden.
Vier Bausteine: Geräte heute vorn, Speicher mit dem stärksten Wachstum
Für 2026 entfallen 8,272 TWh auf die zusammengefassten Mikro-Flexibilitäten Waschmaschine, Trockner und Spülmaschine. Heimspeicher folgen mit 4,887 TWh, Elektroautos einschließlich des erstmals berücksichtigten bidirektionalen Ladens mit 3,647 TWh und Wärmepumpen mit 1,542 TWh. In Summe ergeben sich 18,349 TWh.
Bis 2031 verändert sich die Reihenfolge. Die Studie erwartet 13,736 TWh bei Heimspeichern, 9,261 TWh bei E-Autos, 8,135 TWh bei Haushaltsgeräten und 2,885 TWh bei Wärmepumpen. Das Gesamtpotenzial steigt damit auf 34,017 TWh.
Hinter der Prognose steht ein deutlicher Technikhochlauf: Aus knapp zwei Millionen Wärmepumpen zum Stichtag 1. Januar 2026 sollen 3,6 Millionen werden, aus gut zwei Millionen E-Autos 5,6 Millionen und aus 2,2 Millionen Heimspeichern 5,2 Millionen. Diese Bestandsannahmen sind ein Szenario, keine garantierte Marktentwicklung.
- 2026: Haushaltsgeräte 8,272 TWh, Heimspeicher 4,887 TWh, E-Autos 3,647 TWh, Wärmepumpen 1,542 TWh
- 2031: Heimspeicher 13,736 TWh, E-Autos 9,261 TWh, Haushaltsgeräte 8,135 TWh, Wärmepumpen 2,885 TWh
- Gesamt: 18,349 TWh im Jahr 2026 und 34,017 TWh im Prognosejahr 2031
Wärmepumpe: Wärme puffern, nicht den Komfort opfern
Bei einer Wärmepumpe entsteht Flexibilität vor allem durch die thermische Trägheit des Gebäudes und einen passend eingebundenen Warmwasser- oder Pufferspeicher. Die Anlage kann in einem günstigen Zeitfenster etwas mehr Wärme bereitstellen und später pausieren, solange Raumtemperatur, Warmwasserkomfort und technische Grenzen eingehalten werden.
Die Studie setzt den theoretisch flexiblen Anteil bei rund zehn Prozent des gesamten Wärmepumpenstromverbrauchs an. Daraus werden 1,542 TWh für 2026 und 2,885 TWh für 2031 abgeleitet. Das ist deutlich weniger als bei Batterie und E-Auto, aber systemisch interessant, weil der Verbrauch im Winter häufig in belasteten Stunden liegt.
Für den einzelnen Betreiber ist die billigste Viertelstunde nicht automatisch das beste Betriebsfenster. Wird die Solltemperatur zu stark angehoben oder muss die Wärmepumpe mit höherer Vorlauftemperatur arbeiten, kann ihre Effizienz sinken. Eine gute Regelung verschiebt deshalb moderat, berücksichtigt Wetterprognose und Gebäudeträgheit und verhindert unnötige Starts sowie den vermeidbaren Einsatz des Heizstabs.
Lastverschiebung ersetzt keine saubere Auslegung. Heizkurve, Volumenstrom, Vorlauftemperatur und Warmwasserstrategie bleiben die Grundlage eines effizienten Betriebs.
Heimspeicher: große Menge, aber nicht verlustfrei
Heimspeicher stellen bereits 2026 den zweitgrößten Block und laut Prognose 2031 den größten. Anders als Waschmaschine oder Wärmepumpe müssen sie keinen eigenen Nutzungszweck zu einem bestimmten Zeitpunkt erfüllen. Sie können Energie aufnehmen und später wieder abgeben, sofern Kapazität, Ladezustand und Leistung verfügbar sind.
Die Berechnung berücksichtigt nach Angaben der Studie technische Abschläge durch Batteriealterung und Entladeverluste sowie eine feste Zahl von Ladezyklen pro Jahr. Trotzdem bleibt die Flex-Menge eine über viele Vorgänge aufsummierte Jahresarbeit. Sie ist nicht mit der einmaligen Speicherkapazität der installierten Batterien gleichzusetzen.
Wirtschaftlich konkurrieren mehrere Ziele: hoher PV-Eigenverbrauch, ein Reserve-Ladezustand, günstiger Netzbezug, Vermeidung teurer Zeitfenster und gegebenenfalls eine netzdienliche Vermarktung. Zusätzliche Zyklen verursachen Verluste und Verschleiß. Eine Steuerung sollte deshalb nicht nur den aktuellen Börsenpreis, sondern den gesamten Tarif, die Speicherverluste und die Garantiebedingungen berücksichtigen.
E-Auto und Haushaltsgeräte: viel Zeitfenster, sehr unterschiedlicher Wert
Beim Elektroauto ist die Abfahrtszeit meist wichtiger als der exakte Ladebeginn. Wenn ein Fahrzeug abends angeschlossen wird und erst am Morgen wieder fahren muss, kann das Lademanagement mehrere Stunden nutzen. Die Studie berücksichtigt dabei Nutzungstyp, Ladeort, Fahrleistung, Ladeverluste und den Anteil, der zu Hause an einer eigenen Wallbox geladen wird. Zusätzlich fließt das Potenzial bidirektional vorbereiteter Fahrzeuge ein.
Waschmaschine, Trockner und Spülmaschine kommen nur wegen ihrer großen Zahl auf 8,272 TWh. Für Anfang 2026 nennt die Studie zusammen rund 96,1 Millionen Geräte. Die mögliche Verschiebung wird mit Nutzungshäufigkeit und der in einer YouGov-Befragung erklärten Bereitschaft eingegrenzt.
Im einzelnen Haushalt bleibt der finanzielle Wert eines verschobenen Spül- oder Waschgangs meist klein. Zudem weist die Studie darauf hin, dass solche Geräte häufig manuell nach dem Spotmarktpreis gestartet werden müssten und für die betrachtete Abrechnung ein Smart Meter erforderlich ist. Der große Gesamtwert entsteht aus Millionen kleiner Vorgänge, nicht aus einer hohen Ersparnis je Gerät.
1,65 Milliarden Euro sind keine Ersparnis pro Haushalt
Für die Kostenschätzung simuliert die Studie die verschiebbaren Energiemengen mit Tarifen und Preisverläufen des Jahres 2025. Betrachtet werden dynamische Tarife mit Kopplung an den Börsenstrompreis sowie Modelle mit einem Flexibilitätsbonus für automatisch steuerbare Energielösungen.
Für E-Autos, Wärmepumpen und Heimspeicher nennt die Veröffentlichung ein bundesweites Potenzial von bis zu 762 Millionen Euro pro Jahr. Werden Waschmaschinen, Trockner und Spülmaschinen hinzugerechnet, steigt die theoretische Summe auf bis zu 1,65 Milliarden Euro.
Diese Werte lassen sich nicht einfach durch die Zahl der Haushalte teilen. Die reale Ersparnis hängt davon ab, welche Geräte vorhanden sind, wann sie verfügbar sind, wie groß die Preisspreizung ist, welche Aufschläge und Grundkosten der Tarif enthält und wie konsequent die Steuerung tatsächlich optimiert. Die Studie selbst bezeichnet die Ergebnisse deshalb als Näherungswerte.
Die 1,65 Milliarden Euro sind ein maximales bundesweites Simulationsergebnis unter Studienannahmen – weder Garantie noch Durchschnittsgutschrift für einen einzelnen Haushalt.
Smart Meter, Tarif und Energiemanagement müssen zusammenspielen
Ein variabler Preis allein verschiebt noch keine Last. Nötig ist zunächst eine zeitaufgelöste Messung. Ein intelligentes Messsystem liefert die Verbrauchswerte für die Abrechnung; ein Energiemanagementsystem übersetzt Preise, PV-Prognose und Nutzerziele in Steuerbefehle für Wärmepumpe, Speicher, Wallbox und gegebenenfalls weitere Geräte.
Ebenso wichtig sind kompatible Schnittstellen. Der Tarif muss zur Mess- und Steuertechnik passen, Geräte müssen externe Sollwerte sicher annehmen und die Regelung braucht klare Grenzen: Mindesttemperatur im Haus, gewünschter Ladezustand zur Abfahrt, Speicherreserve und eine jederzeit verfügbare manuelle Übersteuerung.
Die von YouGov befragten 4.277 Erwachsenen zeigen grundsätzliches Interesse: 68 Prozent wären aktuell bereit, größere Verbräuche bei einem finanziellen Vorteil zu verschieben oder automatisch verschieben zu lassen. Zugleich kannten laut Befragung erst 46 Prozent mindestens eine der beiden Tarifformen. Verständlichkeit und Automatisierung sind daher ebenso wichtig wie die technische Installation.
So prüfen Haushalte ihr eigenes Flexibilitätspotenzial
Der sinnvollste Start ist eine Bestandsaufnahme der großen Lasten. Jahresverbrauch und zeitlicher Verlauf der Wärmepumpe, typische Standzeiten des E-Autos, nutzbare Batteriekapazität und vorhandene Steueranschlüsse zeigen, wo überhaupt relevante Energiemengen liegen. Haushaltsgeräte kommen erst danach.
Anschließend sollten zwei oder drei Tarife mit den eigenen Messdaten rückgerechnet werden. Entscheidend ist der vollständige Endpreis einschließlich Grundgebühr, Aufschlägen, Steuern und Netzentgelten – nicht nur eine einzelne Stunde mit negativem Börsenpreis. Auch Kosten für Messsystem, Gateway, Steuerbox oder Energiemanagement gehören in den Vergleich.
Ein mehrwöchiger Test mit dokumentierter Ausgangsbasis zeigt, ob die Automatik tatsächlich Kosten senkt, ohne Komfort oder Effizienz zu verschlechtern. Bei der Wärmepumpe sollten dafür Stromverbrauch, Wärmemenge, Laufzeiten, Starts, Heizstabeinsatz und Raumtemperaturen gemeinsam betrachtet werden.
- große flexible Lasten und reale Zeitfenster erfassen
- Smart Meter, Geräteschnittstellen und Steuerbarkeit vor Tarifwechsel prüfen
- Tarife mit allen Preisbestandteilen und den eigenen Viertelstundenwerten vergleichen
- Komfort-, Temperatur-, Abfahrts- und Speichergrenzen festlegen
- Automatik zunächst testen und Ergebnis gegen eine dokumentierte Ausgangsbasis messen
- Verluste und zusätzlichen Batterieverschleiß in die Wirtschaftlichkeit einrechnen
Die Grenzen der Studie
Der Flexibility Check macht die Größenordnung sichtbar und legt zentrale Annahmen offen. Dennoch ist er keine Messung bereits erbrachter Flexibilität. Die Hochrechnung verbindet registrierte Bestände, Marktdaten, Umfragewerte, Verbrauchsannahmen und Prognosen. Besonders die Werte für 2031 reagieren deshalb auf den tatsächlichen Absatz von Wärmepumpen, E-Autos und Speichern.
Auch die Kostensimulation basiert auf einem konkreten Preisjahr und ausgewählten Tariflogiken. Künftige Börsenpreise, Tarifaufschläge, Messkosten und Regulierung können das Ergebnis verändern. Regional kann eine verschobene Kilowattstunde zudem unterschiedlich wertvoll sein, weil Erzeugung, Nachfrage und Netzengpässe nicht überall gleich auftreten.
Schließlich wurde die Studie gemeinsam von einem Energieanbieter und einer Forschungseinrichtung erstellt. Das macht die Methodik nicht wertlos, sollte bei der Einordnung aber transparent bleiben. Für eine Investitionsentscheidung zählen zusätzlich unabhängige Angebots-, Betriebs- und Wirtschaftlichkeitsdaten des eigenen Hauses.
Die Einordnung: Flexibilität wird zur Betriebsaufgabe
Die wichtigste Botschaft des Flexibility Check ist nicht die maximale Milliardensumme, sondern der Systemwechsel: Immer mehr Haushalte besitzen große elektrische Lasten und Speicher. Ihr Verbrauch muss nicht mehr starr dem Einschalten folgen, sondern kann innerhalb definierter Grenzen geplant werden.
Für Wärmepumpen bedeutet das eine ruhige, vorausschauende Betriebsweise statt harter Abschaltungen. Für Batterien und E-Autos bedeutet es ein Lademanagement mit klaren Nutzerzielen. Und für Tarife bedeutet es, dass ein günstiger Preis nur dann nützt, wenn Messung und Automatik den passenden Zeitpunkt zuverlässig treffen.
18,3 TWh zeigen damit ein relevantes technisches Reservoir. Real wird es erst, wenn komfortable Produkte, interoperable Geräte und nachvollziehbare Vergütung zusammenkommen – und wenn die Optimierung im einzelnen Haus messbar besser ist als ein einfacher, gut eingestellter Betrieb.

